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Wieder E-Petitionen. Diesmal: Zensursula

5 May, 2009 in the category deutsch, politics, web by .

Kürzlich habe ich über E-Petitionen gebloggt. Jetzt gibt es eine, die tatsächlich genug Zeichner erhalten könnte, um im Bundestag für Aufmerksamkeit zu sorgen (Link siehe ganz unten, die Petition ist vom 4.5. und kann bis zum 16.6. mitgezeichnet werden). Es geht um die umstrittenen Internetzensurgesetze, die Frau Ursula von der Leyen (mancherorts schon Zensursula genannt) populär gemacht hat.

Die Idee beim Gesetz (grob vereinfacht und ohne Gewähr):
Es gibt eine streng geheime Liste, die niemand (auch keine Journalisten) zu sehen bekommt, auf der URLs zu Webseiten verzeichnet sind. Die Provider werden verpflichtet (zunächst nur gebeten, was sie bereitwillig tun) jeden Aufruf auf eine URL, die auf dieser Liste steht, statt an die entsprechende Seite auf eine "Stoppschild"-Seite weiterzuleiten. Ausserdem soll der Besuch dieser Stoppschild-Seite aufgezeichnet werden, sodass das BKA (die einzigen, die die Liste ausser den Providern noch lesen dürfen - und die einzigen, die sie schreiben dürfen) prinzipiell Zugriff auf die Daten hat. Damit macht sich also verdächtig, wer auf diese URLs zugreift, das BKA kann dann argumentieren, man habe auf illegalen Inhalt zugreifen wollen (etwa, um diesen zu verbreiten, etc.). Das kann unter Umständen dazu führen, dass unter dem Vorwand "Gefahr im Verzug" oder auch mit Erlaubnis eines (völlig überforderten) Richters auch mal die Wohnung durchsucht und die Rechneranlage (samt allen Festplatten) auf Verdacht beschlagnahmt wird - z.B. für 4 Jahre, denn die Polizei hat viel zu tun (danach ist der Rechner übrigens wertlos).

Was steht denn nun auf den Listen drauf? Der momentane Gesetzesvorschlag sieht vor, dass ausschliesslich Seiten, die Kinderpornografie anbieten, auf diese Liste gelangen. Mal abgesehen davon, dass man das Gesetz ja in Zukunft ändern könnte (z.B. zu Killerspielen, gewöhnlicher Pornografie oder verfassungsfeindlichen Inhalten (das betrifft dann rechts- und linksradikale Seiten)), kann niemand kontrollieren, dass auf der Zensurliste tatsächlich nur Kinderpornografie landet. Selbst wenn man die Liste hätte, von Deutschland aus sieht man nur ein Stoppschild.

Jetzt könnte man meinen, unsere Politiker werden das schon hinbekommen, dass niemand die Liste in die Finger bekommt und dass da nur Kinderpornografie landet. Dann wäre doch alles gut, oder? Selbst das ist nicht gegeben. Mit einem ausländischen Proxy, DNS-Server oder über den TOR-Anonymisierungsdienst gelangt man sehr einfach weiterhin auf alle gesperrten Seiten - mit einer kleinen Anleitung gelingt das dann auch technisch weniger versierten Menschen. Die Sperre ist also für Menschen die sich für solches Material interessieren völlig unwirksam. Dazu kommt noch die Gefahr, dass die Liste der URLs als eine Art "Adressbuch" sicherlich begehrt sein wird in den kriminellen Kreisen, die Kinderpornografie vertreiben. Es ist keineswegs auszuschliessen, dass in diesen Kreisen auch Geld gezahlt würde, um per Hack oder Bestechung an die Liste heranzukommen - und dagegen kann man sie auch nicht sichern.

Denen, die glauben, es werde schon nicht so schlimm kommen, möchte ich empfehlen, die Nachrichten mal nach "Wikileaks" durchzusehen. Dort wurden nämlich Sperrlisten verschiedener Länder, die so etwas schon haben, veröffentlicht (da hat die Geheimhaltung also auch nicht funktioniert). Auf diesen Listen haben Journalisten dann aber entdeckt, dass ein Großteil der URLs überhaupt nicht auf illegale Inhalte verweist - also wurde legaler Inhalt zensiert! In Thailand z.B. sind auf der Liste fast nur Seiten, die das Königshaus kritisieren (allerdings ist das vermutlich tatsächlich eine Straftat in Thailand). Eine Kinderrechtsorganisation hat auf einer der Sperrlisten entdeckt, dass die Betreiber mancher Seiten in ihrem eigenen Land leben und arbeiten - und konnten erwirken, dass diese recht zügig vor ein Gericht gestellt wurden, nachdem sie erst monate- oder jahrelang auf der Sperrliste verschont wurden.

Ich möchte also hiermit dazu aufrufen, sich mit dem Thema auseinander zu setzen, mit Freunden darüber zu sprechen, sich an der folgenden E-Petition zu beteiligen:

Text der Petition

Wir fordern, daß der Deutsche Bundestag die Änderung des Telemediengesetzes nach dem Gesetzentwurf des Bundeskabinetts vom 22.4.09 ablehnt. Wir halten das geplante Vorgehen, Internetseiten vom BKA indizieren & von den Providern sperren zu lassen, für undurchsichtig & unkontrollierbar, da die "Sperrlisten" weder einsehbar sind noch genau festgelegt ist, nach welchen Kriterien Webseiten auf die Liste gesetzt werden. Wir sehen darin eine Gefährdung des Grundrechtes auf Informationsfreiheit.

Begründung

Das vornehmliche Ziel – Kinder zu schützen und sowohl ihren Mißbrauch, als auch die Verbreitung von Kinderpornografie, zu verhindern stellen wir dabei absolut nicht in Frage – im Gegenteil, es ist in unser aller Interesse. Dass die im Vorhaben vorgesehenen Maßnahmen dafür denkbar ungeeignet sind, wurde an vielen Stellen offengelegt und von Experten aus den unterschiedlichsten Bereichen mehrfach bestätigt. Eine Sperrung von Internetseiten hat so gut wie keinen nachweisbaren Einfluß auf die körperliche und seelische Unversehrtheit mißbrauchter Kinder."

Zur E-Petition gegen Internet-Sperrlisten

Und zum Abschluss noch eine Übersicht an Artikeln, die zur weiteren Information dienlich sind:

Übrigens: Während ich das hier geschrieben habe, haben ca. 600 Leute der Petition zugestimmt.

Comments

Comment by David
2009-05-05, 19:36

Es gibt doch bestimmt mittlerweile Suchmaschinen, die die gesperrten Seiten suchen und somit (unvollständige) Listen erstellen können. Immerhin sind die meisten DNS-Server der Provider nicht nur für eigene Kunde zugänglich.

Eigentlich finde ich es nicht schlecht, dass "schlimme" Seiten gesperrt werden. Allerdings vertraue ich dem Verfahren auch nicht und werde mich vielleicht an der Petition beteiligen.

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